Kinder & Jugend-Traumatherapie

In gewisser Weise muss jede Begleitung und Therapie früh- und komplextraumatisierter Kinder und Jugendlicher bei „Null“ anfangen, im frühesten Entwicklungsraum des Menschen. Wir „fischen“ als Begleiter zu Beginn einer solchen Behandlung sozusagen im trüben, sprachfreien Raum. In mehrfacher Hinsicht stoßen wir im Kontakt mit beziehungstraumatisierten Klienten auf unsichtbare, zum Teil rigide Grenzen („Borderlines“), die von Seiten der Betroffenen selbst auch noch gut und prompt bewacht werden. Dafür sorgt schon ihr hochsensibilisiertes neuronales System.

Professionelle Begleiter:innen, Psychotherapeut:innen, aber auch Pflege- und Adoptiveltern müssen darin unterstützt, unterwiesen und begleitet werden, diesen Kindern und Jugendlichen

  • Sicherheit zu gewährleisten
  • verlässliche Beziehung anzubieten
  • Nachentwicklung zu ermöglichen
  • ihre Symptomatik zu erklären und als Überlebensstrategie zu würdigen
  • ihre Ressourcen identifizieren und aufbauen zu helfen.
  • Für uns Psychotherapeut:innen ergeben sich darüberhinaus die Aufgaben,
  • die Trauma-bedingten Reaktionen, Übertragungen und Reinszenierungen der Klient:innen zu erkennen,
  • diese ihnen und ihrem Umfeld psychoedukativ als Überlebensstrategien zu vermitteln
  • mit ihnen alternative Emotionsregulationen und Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten
  • gezielt schonende Trauma-Interventionen einzusetzen.

mehr dazu s. Kap. 5: „Prinzipien der Behandlung komplex traumatisierter Jugendlicher“, S. 127-156

Nicht selten gestalten sich die ersten therapeutischen Begegnungen mit komplextraumatisierten Klient:innen in unterschiedlichster Weise schwierig. Oft zeigen sie uns schon beim Erstkontakt „wo’s langgeht“. Neben einer hinreichenden professionellen Gelassenheit helfen uns folgende „Therapeutenvariablen“, mit beziehungsverstörten Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu kommen:

  • eine Haltung der aufgeschlossenen Neugierde
  • eine solide eigene Affektregulation
  • Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz
  • Halten, Aushalten, Containen
  • Begegnung „auf Augenhöhe“
  • Aufrechterhalten der erwachsenen Handlungsfähigkeit
  • Vorhersagbarkeit in den Reaktionen
  • Transparenz in Denken und Handeln
  • kritisches Reflektieren eigenen Handelns
  • angemessenes Fehlermanagement
  • Ambivalenztoleranz
  • Mut und Unerschrockenheit
  • Humor
  • ausreichende Erreichbarkeit

mehr dazu s. Kap. 6: „Von der Sehnsucht nach und der Angst vor Nähe“, S. 157-166

Angesichts des früh geschädigten autonomen Nervensystems unserer komplextraumatisierten Klient:innen halte ich -unabhängig vom jeweiligen Richtlinienverfahres der behandelnden Person- eine ganzheitliche therapeutische Herangehensweise für grundlegend wichtig. Das umfasst für mich Begegnung, Interaktion und Intervention sowohl auf somatischer, als auch auf limbischer und auf mentaler Ebene. Dabei ist mir bewusst, dass wir gerade bei Kindern und Jugendlichen, die früh Opfer körperlicher Gewalt und Grenzüberschreitungen durch Erwachsene waren, besonders sensibel sein müssen für das Erkennen und Einhalten von Körpergrenzen. Es gibt jedoch einige hilfreiche und notwendige „Bottom-up-Ansätze“, die jede/r von uns in den jeweiligen therapeutischen Ansatz integrieren kann.

mehr dazu s. Kap. 7: „Die Begegnung zweier Nervensysteme“, S. 191-216

Psychotherapie „auf der limbischen Ebene“ ist so wichtig, weil viele unserer beziehungstraumatisierten Klient:innen unter völliger „Ahnungs- und Sprachlosigkeit“ bezüglich der eigenen Emotionalität leiden. Ihnen fehlen die frühen „Lektionen emotionaler Unterweisung“ durch hinreichend feinfühlige Bezugspersonen, in deren spiegelnder und angemessener Verbalisierung sie die Sprache ihrer eigenen Affekte und Emotionen hätten erlernen können. Die „limbische Resonanz“ der/des Therapeut:in im Hier und Jetzt der therapeutischen Dyade wird so zu einem neuen emotionalen Erfahrungsraum (s. auch „markiertes Spiegeln“).

mehr dazu s. Kap. 8: „Fühlen lernen“, S. 217-225

Jede Art von Psychotherapie findet auch „auf der mentalen Ebene“ statt, bezieht sie mit ein und ist mit ihr verwoben. Explizite „Top-down-Ansätze“ finden sich am meisten in kognitiv-behavioralen Ansätzen, doch hat auch hier mit der sog. „dritten Welle“ seit geraumer Zeit eine Ausweitung der Methoden und Interventionen auf die Arbeit mit Emotionen und deren Verbindungen zum kognitiven Bereich Einzug gehalten (z.B. in der „Dialektisch-behavioralen Therapie).

In der therapeutischen Arbeit auf der mentalen Ebene geht es in erster Linie darum, die Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit unserer Klient:innen zu fördern und zu erweitern. Entscheidend zur Verbesserung der individuellen Mentalisierungsfähigkeit tragen die Art und Weise des therapeutischen Fragens und ein jeweils fein abgestimmter Gebrauch von Sprache bei.

Schonende traumatherapeutische Interventionen

Die meisten Entwicklungs- und Beziehungstraumatisierungen haben im präverbalen Entwicklungsstadium der Betroffenen stattgefunden oder zumindest begonnen, waren chronisch, kumulativ und z.T. begleitet von peritraumatischer Dissoziation als biophysiologischer Überlebensstrategie. So können sie entweder gar nicht in Worte kommen, sind massiv angst-, scham- und schuldbesetzt und/ oder unterliegen expliziten Schweigegeboten und massivem Loyalitätsdruck gegenüber den Verursachern der Schädigungen: alles Faktoren, die eine Aktualisierung der zugrundeliegenden traumatischen Erfahrungen im Jugendalter erschweren, mitunter unmöglich machen. Gleichzeitig haben diese Erlebnisse die Tendenz, jederzeit spontan und ungefragt in die Gegenwart der Betroffenen und ihrer Umgebung einzudringen. Gerade in dem Moment, in dem sie sich aufdrängen, kann es sehr hilfreich sein, mit einem fachlich geschulten, vertrauten Gegenüber darüber zu sprechen, sich währenddessen empathisch gespiegelt zu fühlen und erklärt zu bekommen, wie sie sich auf das Hier und Jetzt auswirken und welche Angebote der Hilfe von außen und Möglichkeiten der Selbstkontrolle von innen zur Verfügung stehen. Wenn Jugendliche aber in ihrem gegenwärtigen Leben nicht von belastenden Erinnerungen (in Form von Überflutung, Flashbacks, schweren Alpträumen u.Ä.) gequält werden, kann es sogar schädlich sein, wenn man sie dazu drängt, sich auf Vergangenes zu konzentrieren, um mithilfe der Aktualisierung traumafokussierend arbeiten zu können.

Während eine taumafokussierende Behandlung (z.B. mit EMDR) bei Monotrauma oder auch bei später erfolgten chronischen oder kumulativen erfolgversprechend durchgeführt werden kann, müssen wir meiner Erfahrung nach vorsichtiger sein, diese bezüglich konkreter traumatischer Erinnerungen einzusetzen. Unvermittelt heftig können während der Prozessierung eines einzelnen Erlebnisses bei zugrunde liegender Komplextraumatisierung über entsprechende Affektbrücken disruptive sensorische Empfindungen, Emotionen und Gedanken invasiv in den Verarbeitungsprozess eindringen und diesen boykottieren. Eine unerwünschte Nebenwirkung könnte dann das Auslösen dysfunktionaler dissoziativer Symptome sein, die den angedachten Heilungsprozess verhindern. In ihrer traumafokussierenden Intervention sehr versierte Kolleg:innen mögen dieser Gefahr kompetent begegnen können. Für mich selbst habe ich im Laufe meiner therapeutischen Tätigkeit auf traumafokussierende Verfahren, bei welchen der Hauptprozess im Inneren der Klient:innen stattfindet, verzichtet, um diese Nebenwirkungen zu vermeiden. Glücklicherweise konnte ich für mich und meine Klient:innen „schonendere“ Verfahren finden und lernen, die ich aus eigener Erfahrung weiterempfehlen kann. Wie mein Kollege Thomas Hensel sagt, kommt es im therapeutischen Prozess in erster Linie auf die „Allegianz“ zwischen Therapeut:in und Verfahren an: wenn beide sich miteinander schwertun, geht das zu Lasten des Therapieerfolgs.

In Kapitel 10 finden sich die schonenden traumatherapeutischen Verfahren, mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe. Sicherlich werden auch in Zukunft weitere hilfreiche Interventionen für die Anwendung in der Arbeit mit Komplextraumatisierten entwickelt werden. Verfahren, die das traumatische Erleben einerseits aktualisieren, damit sich die Erinnerung rekonsolidieren und entschärft abgespeichert werden kann. Die aber andererseits genügend Distanzierung, zwischenmenschliche Begleitung und Abfederung bieten, dass es währenddessen nicht zu dysfunktionalem Dekompensieren seitens der Betroffenen kommen muss.

mehr dazu s. Kap. 10: „“Dem Schrecken ins Auge schauen“, S. 243-268