Spätestens seit den Forschungsarbeiten von René Spitz (1887-1974) und seinen schaurig-eindrücklichen Live-Aufnahmen hospitalisierter Babys sind die Folgen einer gestörten Beziehung zwischen Kind und primärer Bezugsperson der Fachwelt bekannt. Die Bindungsforscher:innen, allen voran John Bowlby, Mary Ainsworth und James Robertson, trugen seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zur weiteren Erforschung dieser Beziehungsdynamiken bei. Erst in den 80er Jahren erwies sich die nun zusätzlich definierte D-Kategorie des sog. unsicher-desorganisierten Bindungsmusters als trennscharf unter traumarelevanten Gesichtspunkten.
Der französische Psychiater Boris Cyrulnik (*1937), Sohn von den Nazis ermordeter jüdischer Eltern, entging der vernichtenden Verfolgung im Alter von 6,5 Jahren nur knapp. Im Erwachsenenalter befasste er sich intensiv mit den eigenen traumatischen Erlebnissen und beforschte das Thema „frühe Traumatisierung“ schließlich umfassend.
Seine Chronik früher Traumatisierung halte ich für äußerst schlüssig und hilfreich. Er spricht von der besonderen Relevanz der „ersten tausend Tage des Lebens“ für die weitere Entwicklung des einzelnen Menschen: ca. 300 Tage intrauterin, die ersten 300 Tage nach der Geburt und die nächsten 300 Tage des Spracherwerbs. Wenn diese frühe Zeit „hinreichend gut“ verläuft, wird das Kind in ein „gutes Leben“ starten können. Etwa 70% der Kinder im westlichen Kulturkreis dürfen auf solchen Voraussetzungen aufbauen.
Auf sein eigenes Schicksal bezogen, beschreibt Cyrulnik seine Überlebens-Resilienz eindrücklich:
„Wenn du das Glück gehabt hast, vor der Sprache Schutzfaktoren erworben zu haben, darfst du auch im Leben hoffen. Du wirst daran arbeiten müssen, aber du wirst wieder ins Leben zurückfinden. Auch wenn du Pech hattest und Vulnerabilitätsfaktoren erworben hast, ist das immer noch möglich. Es erfordert aber mehr Arbeit. Du brauchst dann Hilfe von kompensierenden Menschen.“
(zit. aus dem Interview von Ives Bossart mit B. Cyrulnik, „Sternstunde Philosophie“, SRT, vom 17.09.23)
In Cyrulniks Modell wird u.a. deutlich, welch wichtige Rolle die Sprache als Symbolisierungsmöglichkeit für die Verarbeitung von belastenden Erlebnissen spielt und auch, worum es in der täglichen Lebensbegleitung und in der Psychotherapie der von früher Traumatisierung betroffenen Kinder und Jugendlichen gehen muss (s. Ki&Ju-Psychotherapie).
Da neben den schädlichen Einwirkungen und dem Fehlen lebenswichtiger Beziehungsangebote seitens der frühen Bezugspersonen auch systemische Gegebenheiten die kindliche Entwicklung belasten können, möchte ich hier die Liste möglicher Vulnerabilitäts-Faktoren noch einmal vollständig anführen:
Als Stressoren in den ersten Jahren der kindlichen Hirnentwicklung gelten:
- Substanzkonsum während der SS
- Geburtskomplikationen
- Stress während der SS
- Misshandlung
- Körperliche Vernachlässigung
- Körperliche Gewalt
- Emotionale Vernachlässigung
- Emotionale Gewalt
- Sexueller Missbrauch
- Beobachten häuslicher Gewalt
- hochstrittige Scheidung
- permissiver und autoritärer Erziehungsstil
- massive Konflikte der Eltern
- Trennung/Verlust von einem Elternteil
- Psychopathologie der Eltern
- intrusive medizinische Eingriffe und Behandlungen infolge schwerer Krankheit
- schwere Unfälle
Als zusätzliche Risikofaktoren fungieren dabei auch noch:
- Armut
- beengte Wohnbedingungen
- chronische Disharmonie in der Familie
- jugendliche und allein erziehende Mütter
- psychische Erkrankung eines Elternteils
- Kriminalität eines Elternteils
- Vulnerabilität beim Kind durch
- schwieriges Temperament
- genetische Belastung
- geringes Geburtsgewicht
Einer Untersuchung von Marshall, 2014 (in Science 345) zufolge finden sich als häufigste Formen früher Traumatisierung:
- psychische Vernachlässigung (80 %)
- körperliche Misshandlung (20 %)
- sexueller Missbrauch (15 %)
Nicht jedes Kind wird durch vergleichbare schädliche Einwirkungen gleichermaßen in seiner Entwicklung irritiert. Es kommt immer auf die begleitenden „Weichmacher des Bösen“, also Resilienz-Faktoren an, die die individuelle Stresstoleranz und die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern deutlich erhöhen können. Auch nach diesen werden wir mit ihnen und ihren Bezugspersonen suchen!
mehr dazu s. Kap. 3: „Der Körper war immer dabei“, S. 61-100
